Felice Fauxpas in Äthiopien
Vor einer Woche reiste ich in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba, in die Wiege der 
Menschheit und anderer uralter Traditionen.
 

Frisch gerösteter Hustensaft

Ich freute mich schon sehr auf ein Treffen mit meinem langjährigen Geschäftsfreund. Denn bei jeder Ankunft erwartete mich bisher ein wunderbares Nachtessen im Kreise seiner Familie. So auch dieses Mal. 

Leider holte ich mir auf dem Hinflug den Husten und wollte nach der Landung gleich etwas dagegen kaufen. Sofort machte ich mich auf den Weg zum Merkato von Addis Abeba, dem grössten Freiluftmarkt Äthiopiens. Hier findet man einfach alles zum Leben.

Nach einer Apotheke suchend, kämpfte ich mich durch bunte Menschentrauben. Plötzlich stand ich vor einem Lokal im Kolonialstil. Durch die verschnörkelte Glastür entdeckte ich in Apothekerkittel gekleidete Damen, eine lange Theke aus edlem Mahagoni und auf Hochglanz polierte Mahlwerke, silberne Töpfe und Mörser. «Hier wird die Arznei noch von Hand hergestellt.» Mir gefiel dieser Gedanke und ich trat ein.

Mit ernster Miene berieten die Apothekerinnen ihre Kunden und verschwanden dann im rückwärtigen Raum, um – so wie ich der Geräuschkulisse nach vermutete – die gewünschte Medizin herzustellen. Und jedes Mal brachten sie ihrer Klientele aus dem besagten Raum zuerst einen liebevoll zubereiteten Kaffee und danach eine Arzneitüte mit. Ich wandte mich an eine freie Mitarbeiterin und zeigte auf meinen Hals: «Bitte einen starken Sirup gegen…»

Meine Worte gingen in lautem Zischen unter, das aus dem Hinterzimmer drang. Die Dame holte dort auch für mich einen frisch zubereiteten Espresso. «Eine wirklich nette Geste, um das Warten zu verkürzen», dachte ich mir. Doch immer, wenn sie mit einer Medikamententüte zurückkam, war diese für jemand anderen bestimmt. Langsam wurde ich ungeduldig und zeigte fragend auf den Beutel in ihrem Arm.
«I am so sorry, I missunderstood», entschuldigte sie sich und kam mit einem Ungetüm von Beutel zurück. ­«Extraportion wegen langem Warten.»

Ich bedankte mich, fuhr schnurstracks per Taxi zu meinem Geschäftsfreund und erklärte meine Verspätung. Er blickte verwundert auf das Ungetüm in meinem Arm: «Ist das nicht vom berühmtesten ­Kaffeehaus von Addis Abeba?»

Ich wurde misstrauisch, öffnete meine Tüte und entdeckte frisch gemahlenen Kaffee der stärksten Sorte. Nun dämmerte es mir. Meine Apotheke braute keine Hustensäfte sondern Kaffee! Und zwar so gekonnt, als hätte Paracelsus selbst seine Hand im Spiel ­gehabt.

Mein Geschäftspartner lachte dicke Tränen über ­meinen Fauxpas und meinte augenzwinkernd: «Seit 4000 Jahren zelebrieren wir die Kaffeekunst als heilbringende Wissenschaft. Du liegst also nicht ganz falsch, bei deinem starken Husten ein Kaffeehaus aufzusuchen.»

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