HocIns_No_7_Felice-Fauxpas-in-der-Schweiz
 
Diesen Herbst war nicht ich auf Reisen, sondern durfte in meiner Heimat selber Gäste empfangen und zum Essen ausführen. Das Essen wurde zu einem ungewollten Spiessrutenlauf.

Ist doch alles Käse

Heute darf ich meine bei­den Ge­schäfts­freun­de zu Tisch bit­ten – mit be­son­de­rem Ziel vor Augen: der Be­such un­se­res Lu­zer­ner Haus­ber­ges Pi­la­tus mit an­schlies­sen­dem Fon­duees­sen. Ich hole meine ­ Gäste beim Hotel ab und wir be­stei­gen in Alp­nach die steils­te Zahn­rad­bahn der Welt.

Fast senk­recht, mit 48 Pro­zent Stei­gung, rat­tert die Bahn den Pi­la­tus hoch. Rechts und links der Schie­nen be­äu­gen uns zwi­schen Fel­sen ste­hen­de Stein­bö­cke. Auf­ge­regt zeige ich auf die ma­jes­tä­ti­schen Al­pen­tie­re. Doch meine Gäste wür­di­gen sie kei­nes Bli­ckes. Bleich um die Nase fragt mich mein Kol­le­ge: «Kom­men wir da je wie­der run­ter?» Schmun­zelnd ant­wor­te ich: «Run­ter kom­men wir immer.» Mein Kol­le­ge wird noch blei­cher.

Auf dem Gip­fel wer­den wir von Alp­horn­klän­gen emp­fan­gen. Die tie­fen Na­tur­tö­ne be­ru­hi­gen meine Gäste. Ich kann sie er­mun­tern, dem Alp­horn ei­ni­ge Töne zu ent­lo­cken. Zur Er­hei­te­rung aller ver­sa­ge ich kläg­lich. Wir ge­nies­sen ei­ni­ge Mi­nu­ten lang die Fern­sicht. Dann bre­chen wir zum Fon­due­re­stau­rant auf.

Fon­due ist die Schwei­zer Kä­se-Spe­zia­li­tät und das Na­tio­nal­ge­richt schlecht­hin. Fon­due be­steht aus ge­schmol­ze­nem Käse, Weiss­wein und einem Schuss Kirsch. Die Kä­se­mas­se wird in einem Caque­lon über einem Tisch­ko­cher, dem Re­chaud, heiss ge­hal­ten. Man sitzt um das Re­chaud und steckt an spiess­ar­ti­ge Fon­due­ga­beln mund­ge­rech­te Brot­stü­cke. Dann wird das Brot­stück in der heis­sen Kä­se­mas­se ein paar­mal her­um­ge­rührt, bevor man es sich in den Mund steckt. Wer es wür­zi­ger mag, tunkt das Brot vor­gän­gig noch in Kirsch­schnaps.

Im Ge­spräch ver­sun­ken, ver­ges­se ich, mei­nen Gäs­ten die Fon­due­re­geln zu er­klä­ren – uns wer­den sie quasi in die Wiege ge­legt. Kaum steht das Fon­due auf dem Tisch, trin­ken meine Gäste das fürs Brot an­ge­dach­te Kirsch­glas in einem Schluck leer. Dann schmeis­sen sie der­mas­sen schnell die Hälf­te ihres Bro­tes in das Caque­lon mit flüs­si­gem Käse, dass ich sie nicht daran hin­dern kann. «Danke für die feine Vor­spei­se, wir lie­ben Brot­sup­pe», sagen die bei­den be­geis­tert, grei­fen den auf dem Tisch lie­gen­den Des­sert­löf­fel und be­gin­nen ge­nüss­lich die ver­meint­li­che Suppe aus­zu­löf­feln. «Etwas zäh­flüs­sig die Suppe, soll ich sie ver­dün­nen?», fragt mein Kol­le­ge und giesst, ohne meine Ant­wort ab­zu­war­ten, die halbe Fla­sche Kirsch ins Fon­due.

Ich schaue die bei­den mit gros­sen Augen an. «Brot-Kä­se- Suppe? Das habe ich mir so noch nie über­legt». Etwas ver­le­gen er­klä­re ich mei­nen Freun­den, wie wir Schwei­zer Fon­due essen und als was wir es sehen: als def­ti­ge, zäh­flüs­si­ge Haupt­spei­se.

Wir la­chen Trä­nen und be­stel­len noch­mals ein ­Fondue. Nun kön­nen es meine Gäste rich­tig essen und ge­nies­sen – als kä­si­ge Haupt­spei­se, in der man ge­müt­lich und un­end­lich lange sein Brot rührt.

HocIns_No_8_Signatur-Felice-Fauxpas

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