HocIns_No_9_Felice_Faupax
Noch nie war ich in Paris. Bis zum letzten Oktober, als ich zu einem Symposium eingeladen wurde. Ich freute mich auf die französische Hauptstadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten und kulinarischen Genüssen.


Der Zufall wollte es, dass mein ehemaliger Studien­freund vor Kurzem nach Paris gezogen war. Wir verab­redeten uns kurzerhand, um bei einem gemeinsamen Nachtessen in alten Erinnerungen zu schwelgen.

«Ich habe uns einen Tisch in einem altehrwürdigen Gourmet-Restaurant gleich hier um die Ecke reserviert», begrüsste mich mein Freund. Das Restaurant war zum Bersten voll. Ein eleganter Garçon geleitete uns zu den beiden letzten freien Bistrostühlen. «Hier musst du den Tisch Wochen zum Voraus buchen», raunte mir mein Freund zu und nickte freundlich zum Nachbarstisch hinüber, an welchem eine charmante Französin sass. Sie stellte sich als Catherine vor und schnell waren wir in ein reges Gespräch vertieft.

Catherine empfahl uns den Fang des Tages, frische Langusten. Mein Freund war vom Vorschlag hell ­begeistert und so schloss ich mich ihm an, auch wenn ich nicht genau wusste, was er bestellte.

Fliegende Meerestiere

Als die Hauptspeise serviert wurde, traute ich kaum meinen Augen. Da lagen ganze Langusten auf meinem Teller und glotzten mich frech an. Noch nie hatte ich es mit ganzen Krustentieren zu tun. Zu Hause würde ich ihr Fleisch unter Biegen und Brechen mit meinen Fingern aus dem Panzer lösen, doch hier an diesem edlen Ort? Gebannt blickte ich zu meinem Freund hinüber. Als wäre es die leichteste Sache der Welt, nahm er Messer und Gabel in die Hand und begann mit chirurgischer Schnittsicherheit und Eleganz, die Langusten aus ihrem Panzer zu lösen. Dabei warf er mit stolzer Kennermiene Catherine einen verstohlenen Seitenblick zu.

Ich versuchte es ihm gleichzutun, nicht mit Catherine, sondern mit der Languste. Doch kaum setzte ich
zum ersten Schnitt an, rutschte ich ab und meine Languste flitzte in hohem Bogen durch die Luft, ­
mitten auf den Teller meines Freundes. Er schien nichts davon bemerkt zu haben, zu sehr war er von unserer Tischnachbarin fasziniert. Als er sich wieder seiner Hauptspeise widmete, war er höchst erstaunt, wie ­viele Langusten noch vor ihm lagen. «Je mehr ich esse, desto mehr vermehren sie sich», meinte
er kopfschüttelnd und offerierte meine Languste, die nun seine war, unserer Tischnachbarin. Sie freute sich sehr darüber. So sehr, dass Visitenkarten aus­getauscht wurden.

Mein Freund, ein vermeintlich eingefleischter Jung­geselle, und die charmante Pariserin sind seit Kurzem ein frischverliebtes Paar. In Paris verliebt man sich scheinbar nicht nur Hals über Kopf in die französi­sche Küche, sondern auch gleich in die Gäste.

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