HocIns_No_6_Felice-Fauxpas-in-Portugal

Diesen April besuchte ich meinen Geschäftspartner in Lissabon, der Hauptstadt Portugals. Das Meer und Neptuns schwarze Tinte hatten mich voll im Griff.

IN NEPTUNS TINTE

Schon die Au­to­fahrt nach Lis­sa­bon war ein Er­leb­nis für sich. Ich fuhr von der Al­gar­ve her der Küste ent­lang Rich­tung Haupt­stadt. Meer so weit das Auge reicht – wun­der­schön!

Nun bin ich kurz vor mei­nem Ziel Lis­sa­bon, nur der ge­mäch­lich flies­sen­de Tejo trennt mich noch von der alten See­fah­rer­stadt. Lang­sam fahre ich über eine etwa zwei Ki­lo­me­ter lange, be­ein­dru­cken­de Hän­ge­brü­cke ins Ge­wirr der Alt­stadt, um mich mit mei­nem Ge­schäfts­part­ner zu tref­fen. Bei einem lan­des­ty­pi­schen Nacht­es­sen wol­len wir un­se­re Pro­jek­te be­spre­chen.

Ich lasse das Auto ste­hen und setze mich in eine der vie­len Stand­seil­bah­nen, die sich durch die engen, nach Stock­fisch rie­chen­den Alt­stadt­gas­sen schlän­geln. Mit­ten im alten Al­fa­ma stei­ge ich aus und gehe zu Fuss wei­ter. Vor den Häu­sern, auf dem Geh­steig, brut­zeln äl­te­re Damen in­mit­ten von Rauch­schwa­den auf Koh­le­grills Ba­cal­hau – Stock­fisch!

Ich kling­le vor einem azur­blau ge­flies­ten Haus und stei­ge die enge Trep­pe hoch zur Dach­woh­nung mei­nes Ge­schäfts­freun­des. «Komm, wir set­zen uns kurz auf meine Ter­ras­se und ge­nies­sen den Son­nen­un­ter­gang.» Mein Atem stockt. Über den Dä­chern Lis­sa­bons bau­meln un­zäh­li­ge Stock­fi­sche – säu­ber­lich auf­ge­reiht an der Wä­sche­lei­ne mei­nes Gast­ge­bers. «Ge­trock­ne­ter Stock­fisch ist unser ­Nationalgericht, wir ma­chen sogar Des­serts dar­aus», lacht mein ­Gastgeber. «Ich lasse den Fisch an der Luft wäh­rend etwa fünf Mo­na­ten trock­nen, schon un­se­re See­fah­rer mach­ten das so.» Er gibt mir ein Stück zum Pro­bie­ren. «Riecht etwas streng», finde ich. «Claro!», lacht mein Ge­schäfts­part­ner. «Bevor wir den Fisch essen, wäs­sern wir ihn ei­ni­ge Tage, da­nach wird er etwas mil­der. Und jetzt lass uns essen gehen.»

Wir be­tre­ten den stock­fisch­ge­schwän­ger­ten Raum un­se­res Re­stau­rants. An den Ti­schen ent­de­cke ich lau­ter Leute mit gru­se­lig schwar­zen Zäh­nen. «Hal­lo­ween war doch im Ok­to­ber!», denke ich und be­stel­le einen Ta­pas­tel­ler mit Stock­fisch­bäll­chen und zum Nach­tisch eine Por­ti­on Choco. Nach all dem Fisch­ge­ruch brau­che ich etwas Süs­ses. «Com tinta?», fragt mich der Kell­ner. Ich be­ja­he, denn so ein pech­schwar­zer Kaf­fee passt per­fekt zu Scho­ko.

Ich sehe nur noch schwarz, als der Kell­ner mir den Nach­tisch ser­viert: Tin­ten­fisch in schwar­zer Tin­ten­sos­se! Mir wird nun klar, woher die schwar­zen Zähne der Gäste rüh­ren und was Choco com tinta be­deu­tet. «Du hast eine gute Wahl ge­trof­fen», er­klärt mir mein Ge­schäfts­freund. «Nun ja», er­wi­de­re ich, «ge­ra­de ins Schwar­ze ge­trof­fen habe ich mit mei­ner Des­sert­wahl nicht, aber es schmeckt.» Und wir la­chen herz­haft über meine man­gel­haf­ten Sprach­kennt­nis­se.

Am nächs­ten Mor­gen ent­de­cke ich auf mei­nem ­weissen Hemd ei­ni­ge Tin­ten­sprit­zer und muss schmun­zeln. Ich habe mich ges­tern in Sache Nach­spei­se wort­wört­lich in Nep­tuns Tinte ge­setzt.

Euer Felice

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