HocIns_No_1_Artikel_Felice-Fauxpas-stolpert-Åber-Chinas-Esskultur

Vor einigen Wochen reiste ich zum ersten Mal nach Shanghai. Dort wurde ich von meinen chinesischen Gastgebern in eines der besten Restaurants eingeladen. Meine westliche Kinderstube sorgte an diesem Abend wohl einige Male ungewollt für Stirnrunzeln.

LEER ESSEN AM RUNDEN TISCH

Den ers­ten Feh­ler be­ging ich schon beim Be­tre­ten des Lo­kals. Um spä­ter nicht das Essen un­ter­bre­chen zu mü­ssen, such­te ich extra, bevor wir zu Tisch gin­gen, die Toi­let­te im Erd­ge­schoss auf. Im Nach­hin­ein war mir klar, wes­halb meine Gast­ge­ber mich ab­so­lut un­gläu­big an­schau­ten. In China ge­hört es näm­lich zum guten Ton, sich einen Tisch in den obe­ren Stock­wer­ken in einem der vie­len klei­nen Ein­zel­zim­mern zu re­ser­vie­ren. Denn man speist und ge­schäf­tet gerne unter sich. Womit auch jedes Se­pa­rée sein ei­ge­nes stil­les Ört­chen be­sitzt! Als ich frag­te, wes­halb in die­sem Lokal alle Ti­sche rund seien, dach­ten wohl meine Gast­ge­ber kurz über meine In­tel­li­genz nach. Denn in China gibt es tra­di­tio­nell nur runde Ess­ti­sche. Ecken und Kan­ten sind beim Essen ver­pönt. Sie stö­ren die Har­mo­nie.

Im Ge­gen­satz zu uns essen die Chi­ne­sen un­glaub­lich viel­fäl­tig. Daher waren für mich Spei­sen wie frit­tier­te Skor­pio­ne, See­gur­ken oder die Kuh­ma­gen­sup­pe ab­so­lut neu – und auch etwas su­spekt. Si­cher­heits­hal­ber woll­te ich mir etwas Harm­lo­ses be­stel­len. Doch es kam nie so weit. In China kennt man keine Ein­zel­ge­rich­te. Jeder be­stellt für jeden, alle tei­len mit allen. Ent­spre­chend kamen ver­schie­dens­te Spei­sen in rie­si­gen Men­gen auf den Tisch. Mir wur­den ei­ni­ge De­li­ka­tes­sen an­ge­bo­ten, von denen ich bis heute nicht weiss, was es genau war.

Um meine Gast­ge­ber nicht zu be­lei­di­gen, ass ich rest­los sau­ber auf, was mir an­ge­bo­ten wurde. Ein fa­ta­ler Feh­ler. Da meine Tisch­ge­nos­sen wohl dach­ten, ich sei ein un­an­stän­di­ger Nim­mer­satt und so­fort wie­der nach­be­stell­ten, was ich leer ass, litt ich die halbe Nacht unter Völ­le­ge­fühl. Ich rea­li­sier­te schlicht­weg zu spät, dass es für meine Gast­ge­ber eine Bla­ma­ge ge­we­sen wäre, hätte ich alles auf­ge­ges­sen. In China ge­hört es zum guten Ton, dass das Essen einen ge­wis­sen Men­gen­pe­gel nicht un­ter­schrei­tet.

In China wird sehr gerne und ge­nuss­voll ge­ges­sen. Dies zeigt sich im ge­le­gent­li­chen Schlü­rfen, Rül­psen oder Spre­chen mit vol­lem Mund. Im Ge­gen­satz zu Eu­ro­pa ver­stos­sen Ess­ge­räu­sche nicht gegen die Tisch­sit­ten. Auch nicht das Rau­chen wäh­rend der Mahl­zeit. Als ich mir je­doch die Nase putz­te, weil mich der viele Rauch kit­zel­te, ver­stumm­te die fröh­lich schmat­zen­de Tisch­run­de ab­rupt. Meine Hand­lung sorg­te für pein­li­ches Schwei­gen. Chi­ne­sen emp­fin­den dies als ab­so­lut graus­li­ches No-Go. Die Nase wird hier nie­mals am Tisch ge­putzt, son­dern höchs­tens dis­kret auf dem WC.

Glüc­kl­iche­rwe­ise war mein Ge­schäfts­part­ner schon ei­ni­ge Male in Eu­ro­pa und konn­te diese und wei­te­re Un­ta­ten mei­ner­seits wie zum Bei­spiel das Hin­ein­ste­cken der Ess-Stä­be in den Reis be­gra­di­gen, so­dass ich nicht gänz­lich mein Ge­sicht ver­lor und als takt­los galt. Den Letz­te­res tut man in China nur bei Be­er­di­gun­gen.

Bald werde ich wie­der auf Rei­sen sein. Ich bin ge­spannt, was für frem­de Sit­ten mich dort er­war­ten, und hoffe, dass ich durch die vie­len Fett­näpf­chen, in die ich in Shang­hai ge­tre­ten bin, etwas da­zu­ge­lernt habe.

 

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