HOC_Ins_11_Felice

Vor ein paar Monaten besuchte ich zum ersten Mal meinen Geschäftspartner in Hanoi, der Hauptstadt Vietnams. Ich erinnere mich genau an meinen Besuch, als wäre er gestern gewesen.

 

Von fahrenden Kühen und glotzenden Fischaugen

Ich hatte mich zum Abendessen verabredet. Auf Anraten meines Geschäftspartners setzte ich mich in eine der vielen Fahrradrikschas. Wir sausten durch die Altstadt von Hanoi. Ein Wirrwarr von verwinkelten Gassen, charmanten Häusern im Kolonialstil und Fahrzeugen. Doch ich konnte die schöne Stadtkulisse kaum geniessen. In Hanoi herrscht zwar wie überall in Vietnam Rechtsverkehr, aber das schien niemanden zu interessieren. Alle fahren einfach dort, wo es Platz hat. Der Fahrstil und die schnellen Richtungswechsel meines Taxis verlangten alles von mir ab. Ich konnte meinem Fahrer kaum über die Schultern blicken.

Plötzlich – ich zweifelte kurz an meiner Wahrnehmung – entdeckte ich mehrere führerlose Motorräder. Nun, Motorrad ist wohl das falsche Wort. Ich sah vor mir lediglich zwei Räder, einen rauchenden Auspuff und Berge von Mehlsäcken. Ein paar Meter weiter dasselbe Bild: Zwei Räder, ein rauchender Auspuff und meterhoch gestapelte, mit Wasser gefüllte Plastikbeutel. Und aus jedem Beutel glotzten mich zwei Fischaugen an. Mein Fahrer lachte: «In Vietnam transportieren wir auf dem Motorrad einfach alles und soviel man sich nur vorstellen kann. Den Fahrer kann man oft nur noch erahnen.» Somit mir klar wurde, weshalb ich fahrende Kühe sah. Meine Wahrnehmung war noch intakt.

Am Ziel angekommen, betrat ich ein kleines Restaurant. Mein Geschäftspartner und seine ganze Familie sassen schon am runden Tisch. Vom Baby bis zu den Grosseltern. Ich freute mich, seine Grossfamilie kennenzulernen.

Die Krux mit dem Kreuz

«In Vietnam ist es Brauch, dass jeder am Tisch jeweils sein Lieblingsgericht bestellt», erklärte mir herzlich die Frau meines Geschäftspartners. So standen am Schluss zehn wunderbar duftende Gerichte in der Mitte. Kaum wollte ich mir schöpfen, legte ein Familienmitglied nach dem anderen ungefragt einen Happen aus seinem Teller in meinen. Ich machte grosse Augen. «In Vietnam gehört es sich, dass jeder am Tisch das Lieblingsgericht des anderen kostet.» Gesagt, getan und mein Geschäftspartner legte mir gleich noch zwei Hühnerfüsse obendrauf. Verlegen blickte ich in die Runde. Ich hatte null Ahnung, wie man diese isst – mit den Händen, den Stäbchen, Messer und Gabel? Letzteres kennt man übrigens sehr gut in Vietnam. Während ich so überlegte, kreuzte ich meine Stäbchen und legte sie so manierlich auf den Teller.

Rechts von mir ein entsetzter Aufschrei, links ein Zusammenzucken! Irgendwer ruft etwas in den Raum, dann herrscht absolute Stille. Unheimlich und beklemmend, wie in einem Horrorfilm. Mein Geschäftspartner steht langsam auf, hält mit ruhiger Stimme eine längere Rede und arrangiert dann meine Essensstäbchen – für alle äusserst sichtbar – parallel zueinander auf den Teller. Danach geht er von Tisch zu Tisch und beschwichtigt hier und dort die Gäste. Schon bald darauf kehrt im Lokal wieder Leben ein. Die Gäste nehmen aufs Neue ihre Gespräche auf, lachen und kichern, so als wäre nie etwas gewesen.

Schuldig blicke ich in unsere Tischrunde. «Alles gut», beschwichtigt mein Geschäftspartner, «in Vietnam haben wir nur sehr wenige Essensregeln, jedoch eine ganz wichtige hast du, ohne zu wollen, missachtet.» Was denn mein Fauxpas gewesen sei, fragte ich scheu in die Runde? «Kreuze niemals die Essstäbchen, das bringt Unglück», erklärte mir mein Geschäftspartner lachend. Deshalb sei er von Tisch zu Tisch gegangen und habe den Leuten erklärt, dass ich wohl von dieser Regel ausgenommen sei, weil ich von einem anderen Kontinent herkäme. Dies habe dann alle beruhigt.

Heimlich nahm ich mein Mobile zur Hand und las mich in die wenigen Regeln ein, die es zu beachten gilt. Ein zweites Mal die Menge im Restaurant beruhigen zu müssen… Dies wollte ich meinem Geschäftspartner nicht antun.

HocIns_No_8_Signatur-Felice-Fauxpas

Hinterlassen Sie einen Kommentar